Brockes-Passion
Chor
Chor der gläubigen Seelen
Mich vom Stricke meiner Sünden zu entbinden,
Wird mein Gott gebunden.
Von der Laster Eiterbeulen mich zu heilen,
Läßt er sich verwunden.
Es muß, meiner Sünden Flecken zu bedecken,
Eignes Blut ihn färben,
Ja es will, ein ewig Leben mir zu geben,
Selbst das Leben sterben.
Rezitativ
Evangelist
Als Jesu nun zu Tische saße
Und er das Osterlamm, das Bild von seinem Tod,
Mit seinen Jüngern aße,
Nahm er das Brot,
Und wie er es, dem Höchsten dankend brach,
Gab er es ihnen hin und sprach:
Accompagnato
Jesus
Das ist mein Leib: kommt, nehmet, esset,
Damit ihr meiner nicht vergesst.
Arie
Tochter Zion
Der Gott, dem alle Himmelskreise,
Dem aller Raum zu klein,
Ist hier auf unerforschte Weise
In, mit und unter Brot und Wein
Und will der Sünder Seelenspeise,
O Lieb’, o Gnad’, o Wunder sein.
Rezitativ
Evangelist
Und bald hernach nahm er den Kelch und dankte,
Gab ihn ihnen und sprach:
Accompagnato
Jesus
Das ist mein Blut im Neuen Testament,
Das ich für euch und viele will vergießen.
Es wird dem, der es wird genießen,
Zur Tilgung seiner Sünden dienen.
Damit ihr dieses oft erkennt,
Will ich, daß jeder sich mit diesem Blute tränke,
Auf daß er meiner stets gedenke.
Arie
Tochter Zion
Gott selbst, die Brunnquell alles Guten,
ein unerschöpflich Gnadenmeer,
fängt für die Sünder an zu bluten,
bis er von allem Blute leer,
und reicht aus diesen Gnadenfluten
uns selbst sein Blut zu trinken her.
Chor
Chor
Ach, wie hungert mein Gemüte,
Menschenfreund, nach deiner Güte!
Ach, wie pfleg’ ich oft mit Tränen
Mich nach dieser Kost zu sehnen!
Ach, wie pfleget mich zu dürsten
Nach dem Trank des Lebensfürsten,
Wünsche stets, daß mein Gebeine
Sich durch Gott mit Gott vereine!
Rezitativ
Evangelist
Drauf sagten sie dem Höchsten Dank,
Und nach gesprochenem Lobgesang
Ging Jesus über Kidrons Bach
Zum Öhlberg, da er dann zu seinen Jüngern sprach:
Jesus
Ihr werdet all in dieser Nacht euch an mir ärgern,
ja mich gar verlassen.
Chor
Chor der Jünger
Wir wollen alle eh’ erblassen
Als durch solch Untreu’ dich betrüben.
Rezitativ
Jesus
Es ist gewiß, denn also steht geschrieben:
Arie
Jesus
Weil ich den Hirten schlagen werde,
Zerstreuet sich die ganze Herde.
Rezitativ
Petrus
Aufs wenigste will ich,
Trotz allen Unglücksfällen,
Ja sollte durch die Macht der Höllen
Die ganze Welt zu Trümmern gehn,
Dir stets zur Seite stehn.
Jesus
Dir sag’ ich:
Eh noch der Hahn wird zweimal krähn,
Wirst du schon dreimal mich verleugnet haben.
Petrus
Eh’ soll man mich mit dir erwürgen und begraben,
Ja zehnmal will ich eh’ erblassen,
Eh’ ich dich will verleugnen und verlassen.
Jesus
Verziehet hier, ich will zu meinem Vater treten;
Schlaft aber nicht, denn es ist Zeit zu beten.
Arie
Jesus
Mein Vater! Schau, wie ich mich quäle,
Erbarme dich, erbarme dich ob meiner Not!
Mein Herze bricht, und meine Seele
Betrübet sich bis an den Tod!
Rezitativ
Jesus
Mich drückt der Sünden Zentnerlast,
Mich ängstiget des Abgrunds Schrecken;
Mich will ein schlammiger Morast,
Der grundlos ist, bedecken;
Mir presst der Höllen wilde Glut
Aus Bein und Adern, Mark und Blut.
Und weil ich noch zu allen Plagen
Muß deinen Grimm, o Vater, tragen,
Vor welchem alle Marter leicht,
So ist kein Schmerz, der meinem gleicht.
Arie
Jesus
Ist’s möglich, daß dein Zorn sich stille,
So laß den Kelch vorübergehn,
Doch müsse, Vater, nicht mein Wille,
Dein Wille nur allein gescheh’n!
Arioso
Tochter Zion
Sünder, schaut mit Furcht und Zagen
Eurer Sünden Scheusal an,
Da derselben Straf’ und Plagen
Gottes Sohn kaum tragen kann.
Rezitativ
Evangelist
Die Pein vermehrte sich
Mit grausamen Erschüttern,
So daß er kaum vor Schmerzen weinen kunt;
Man sah die schwachen Glieder zittern,
Kaum atmete sein trockner Mund;
Das bange Herz fing an, so stark zu klopfen,
Daß blut’ger Schweiß in ungezählten Tropfen
Aus seinen Adern drang,
Bis er zuletzt, bis auf den Tod gequält,
Voll Angst, zermartert, halb entseelt,
Fast mit dem Tode rang.
Arie
Tochter Zion
Brich, mein Herz, zerfließt in Tränen,
Jesu Leib zerfließt in Blut!
Hör sein jammervolles Ächzen,
Schau, wie Zung’ und Lippen lechzen,
Hör sein Wimmern, Seufzen, Sehnen,
Schau, wie ängstlich er tut!
Rezitativ
Evangelist
Ein Engel aber kam von den gestirnten Bühnen,
In diesem Jammer ihm zu dienen,
Und stärk’t ihn.
Darauf ging er, wo die Schar
Der müden Jünger war,
Und fand sie insgesamt in süßer Ruh;
Drum rief er ihnen ängstlich zu:
Arioso
Jesus
Erwachet doch!
Petrus
Wer ruft?
Johannes
Ja, Herr, ja!
Jesus
Erwachet doch!
Johannes; Jakobus
Ja, Herr, ja.
Jesus
Erwacht!
Könnt ihr in dieser Schreckensnacht,
Da ich sink’ in des Todes Rachen,
Nicht eine Stunde mit mir wachen?
Ermuntert euch!
Johannes; Jakobus; Petrus
Ja, ja!
Jesus
Ach, steht doch auf!
Der mich verrät, ist da.
Rezitativ
Evangelist
Und eh’ die Rede noch geendigt war,
Kam Judas schon hinein,
Und mit ihm eine große Schar
Mit Schwertern und mit Stangen.
Chor
Chor der Kriegsknechte
Greift zu, schlagt tot! Doch nein!
Ihr müsset ihn lebendig fangen.
Rezitativ
Evangelist
Und der Verräter hatte ihnen
Zum Zeichen lassen dienen:
Judas
Daß ihr, wer Jesus sei, recht möget wissen,
Will ich ihn küssen;
Und dann dringt auf ihn in hellen Haufen!
Chor
Chor der Kriegsknechte
Er soll uns nicht entlaufen.
Rezitativ
Judas
Nimm, Rabbi, diesen Kuß von mir.
Jesus
Mein Freund, sag, warum kommst du hier?
Arie
Petrus
Gift und Glut, Strahl und Flut
ersticke verbrenne, zerschmettre, versenke
Den falschen Verräter voll mörderischer Ränke.
Man fesselt Jesum jämmerlich,
Und keine Wetter regensich?
Auf denn, mein unverzagter Mut,
Vergieß das frevelhafte Blut,
Weil es nicht tut Gift und Glut,
Strahl und Flut!
Rezitativ
Jesus
(zu Petrus)
Steck nur das Schwert an seinen Ort;
Denn wer das Schwert ergreift,
Wird durch das Schwert erkalten.
Wie, oder glaubst du nicht, daß ich sofort
Von meinem Vater in der Höhe
Der Engel Hülfe könn’ erhalten?
Allein, es will die Schrift, dass es also geschehe.
(zu den Kriegsknechten)
Ihr kommt mit Schwerten und mit Stangen,
Als einen Mörder mich zu fangen,
Da ihr doch, wie ich euch gelehrt,
Im Tempel täglich angehört;
Und keiner hat sich je gelüsten lassen,
Mich anzufassen.
Allein, es muß nunmehr geschehn,
Was die Propheten längst vorhergesehn.
Chor
Chor der Jünger
O weh, sie binden ihn
Mit Strick und mit Ketten!
Auf, lasst uns fliehen und unser Leben retten!
Rezitativ
Petrus
Wo flieht ihr hin? Verzagte, bleibt!
Doch ach, sie sind schon fort!
Was fang’ ich an? Folg’ ich den andern nach,
Weil ich allein ihm doch nicht helfen kann?
Nein, nein, mein Herz, nein, nein!
Ich laß’ ihn nicht allein,
Und sollt’ ich auch mein Leben gleich verlieren,
Will ich doch sehn, wohin sie Jesum führen.
Arie
Petrus
Nehmt mich mit, verzagte Scharen,
Hier ist Petrus ohne Schwert!
Laßt, was Jesus widerfährt,
Mir auch widerfahren.
Rezitativ
Evangelist
Und Jesus ward zum Palast Kaiphas’,
Woselbst der Priesterrat versammelt saß,
Mehr hingerissen als geführet;
Und Petrus, bald von Grimm
Und bald von Furcht gerühret,
Folgt’ ihm von Ferne nach.
Indessen war der Rat doch nur umsonst geflissen,
Durch falsche Zeugen ihn zu fangen;
Derhalben Kaiphas also zu Jesus sprach:
Kaiphas
Wir wollen hier von dem, was du begangen,
Und deiner Lehre Nachricht wissen.
Jesus
Was ich gelehrt, ist öffentlich geschehn,
Und darf ich es ja dir nicht hier erst sagen;
Du kannst nur die, so mich gehöret, fragen.
Ein Kriegsknecht
Du Ketzer willst dich unterstehn,
Zum Hohen Priester so zu sprechen!
Wart, dieser Schlag soll deinen Frevel rächen!
Arie
Tochter Zion
Was Bärentatzen, Löwenklauen
Trotz ihrer Wut sich nicht getrauen,
Tust du, verruchte Menschenhand!
Was Wunder, daß, in höchster Eile,
Der wilden Wetter Blitz und Keile
Dich Teufelswerkzeug nicht verbrannt!
Rezitativ
Evangelist
Dies sahe Petrus an, der draußen bei dem Feuer
Sich heimlich hingesetzt. Indem kam eine Magd,
Die gleich, sobald sie ihn erblickte, sagt:
Erste Magd
Ich schwöre hoch und teuer,
Dass dieser auch von Jesus’ Schar.
Petrus
Wer? Ich? Nein, wahrlich, nein, du irrest dich.
Evangelist
Nicht lang hernach fing noch ein’ andre an:
Zweite Magd
Soviel ich mich erinnern kann,
Bist du mit dem, der hier gefangen,
Auch mitgegangen;
Drum wundr’ ich mich, daß du dich hier wagst.
Petrus
Welch toll Geschwätz!
Ich weiß nicht, was du sagst;
Ich kenne wahrlich seine nicht.
Evangelist
Gleich drauf sagt ihm ein’ andre ins Gesicht:
Dritte Magd
Du bist fürwahr von seinen Leuten
Und suchst umsonst dich weiß zu brennen.
Im Garten warst du ihm zur Seiten,
Auch gibt die Sprach’ dich zu erkennen.
Arioso
Petrus
Ich will versinken und vergehn,
Mich stürtz’ des Wetters Blitz und Strahl,
Wo ich auch nur ein einzig Mal
Hier diesen Menschen sonst gesehn!
Rezitativ
Evangelist
Drauf krähete der Hahn.
Sobald der heisre Klang
Durch Petrus’ Ohren drang,
Zersprang sein Felsenherz,
Und lief,
Wie Moses’ Fels dort Wasser gab,
Ein Tränenbach die Wangen ab,
Wobei er trostlos rief:
Petrus
Welch ungeheurer Schmerz
Bestürmet mein Gemüt!
Ein kalter Schauder schreckt die Seele;
Die wilde Glut der dunkeln Marterhöhle
Entzündet schon mein zischendes Geblüt,
Mein Eingeweide kreischt auf glimmen Kohlen!
Wer löschet diesen Brand,
Wo soll ich Rettung holen?
Arie
Petrus
Heul, du Fluch der Menschenkinder!
Zittre, wilder Sündenknecht!
Zittre, denn Gott ist gerecht,
Er vertilgt verstockte Sünder.
Rezitativ
Petrus
Doch wie, will ich verzweifelnd untergehn?
Nein, mein beklemmtes Herz,
Mein schüchternes Gemüte
Soll meines Jesu Wundergüte
Und Gnad’ anflehn.
Arie
Petrus
Schau, ich fall’ in strenger Buße,
Sündentilger, dir zu Fuße,
Laß mir deine Gnad’ erscheinen,
Daß der Fürst der dunklen Nacht,
Der, da ich gefehlt, gelacht,
Mög’ ob meinen Tränen weinen!
Chor
Chor
Ach, Gott und Herr, wie groß und schwer
Sind mein begangen Sünden!
Da ist niemand, der helfen kann,
In dieser Welt zu finden.
Zu dir flieh ich, verstoß mich nicht,
Wie ich’s wohl hab’ verdienet.
Ach, Gott, zürn nicht, geh nicht ins Gericht,
Dein Sohn hat mich versühnet.
Rezitativ
Evangelist
Als Jesus nun, wie hart man ihn verklage,
Doch nichts zu allem sagte,
Da fuhr ihn Kaiphas mit diesen Worten an:
Kaiphas
Weil man nichts aus dir bringen kann
Und du nur auf die Aussag’ aller Zeugen
Antwortest mit verstocktem Schweigen,
Beschwör ich dich bei Gott, uns zu gestehn,
Ob du seist Christus, Gottes Sohn?
Jesus
Ich bin’s! Von nun an werdet ihr
Zur rechten Hand der Kraft
Und auf der Wolken Thron mich kommen sehn.
Kaiphas
O Lästerer! Was dürfen wir nun weiter Zeugnis führen?
Ihr könnt es jetzo selber spüren, was er sich hat erkühnt.
Was dünket euch?
Evangelist
Drauf rief der ganze Hauf sogleich:
Chor
Chor des hohen Rates
Er hat den Tod verdient!
Arie
Eine gläubige Seele
Erwäg, ergrimmte Natterbrut,
Was deine Wut und Rachgier tut!
Den Schöpfer will ein Wurm verderben,
Ein Mensch bricht über Gott den Stab!
Dem Leben sprecht ihr’s Leben ab,
Der Todes Tod soll durch euch sterben!
Rezitativ
Evangelist
Die Nacht war kaum vorbei;
Die müde Welt lag noch im Schlaf versenkt,
Als Jesus abermal, in Ketten eingeschränkt
Und mit abscheulichem Geschrei,
Ward nach Pilatus hingerissen.
Tochter Zion
Hat dies mein Heiland leiden müssen?
Für wen, ach Gott, für wen?
Für wessen Sünden lässt er sich binden?
Für welche Fehler, was für Schulden
Muss er der Schergen Frevel dulden?
Wer hat, was Jesus büßt, getan?
Nur ich bin schuld daran.
Arie
Tochter Zion
Meine Laster sind die Stricke,
Seine Ketten meine Tücke,
Meine Sünden binden ihn.
Diese trägt er, mich zu retten,
Damit ich der Höllen Ketten mög’ entfliehen.
Rezitativ
Judas
Oh, was hab’ ich verfluchter Mensch getan!
Rührt mich kein Strahl,
Will mich kein Donner fällen?
Brich, Abgrund, brich,
Eröffne mir die Bahn zur Höllen!
Doch ach, die Höll’ erstaunt ob meiner Taten,
Die Teufel selber schämen sich!
Ich Hund hab’ meinen Gott verraten.
Arie
Judas
Lasst diese Tat nicht ungerochen!
Zerreißt mein Fleisch,
Zerquetscht die Knochen,
Ihr Larven jener Marterhöhle!
Straft mit Flammen, Pech und Schwefel
Meinen Frevel,
Dass ich die verdammte Seele ewig quäle!
Rezitativ
Judas
Unsäglich ist mein Schmerz,
Unzählbar meine Plagen!
Die Luft beseufzt, daß sie mich hat genährt;
Die Welt, die, weil sie mich getragen,
Ist bloß darum verbrennenswert;
Die Sterne werden zu Kometen,
Mich Scheusal der Natur zu töten;
Dem Körper schlägt die Erd’ ein Grab,
Der Himmel meiner Seel’ den Wohnplatz ab.
Was fang’ ich dann, verzweifelter,
Verdammter Mörder an?
Eh’ ich mich soll
So unerträglich kränken,
Will ich mich henken!
Arie
Tochter Zion
Die ihr Gottes Gnad’ versäumet
Und mit Sünden Sünden häuft,
Denket, daß die Straf’ schon keimet,
Wann die Frucht der Sünden reift!
Rezitativ
Evangelist
Wie nun Pilatus Jesum fragt,
Ob er der Juden König wär’,
Sprach er:
Jesus
Du hast’s gesagt.
Chor
Chor des hohen Rates
Bestrafe diesen Übeltäter,
Den Feind des Kaisers, den Verräter!
Rezitativ
Pilatus
Hast du denn kein Gehör?
Vernimmst du nicht, wie hart sie dich verklagen,
Und willst du nichts zu deiner Rettung sagen?
Evangelist
Er aber sagte nichts mehr.
Duett
Tochter Zion
Sprichst du denn auf dies Verklagen
Und das spöttische Befragen,
Ewig Wort, kein einzig Wort?
Jesus
Nein, ich will euch jetzo zeigen,
Daß ich wiederbring’ durch Schweigen,
Was ihr durch Geschwätz verlort.
Rezitativ
Evangelist
Pilatus wunderte sich sehr,
Und weil von den Gefangenen auf das Fest,
Er einen pflegte loszuzählen,
Bemüht’ er sich aufs Best’,
Daß sie von ihm, für Barrabas,
Der wegen eine Mords gefangen saß,
Doch möchten Jesum wählen.
Allein der Haufen rief mit wütendem Geschrei:
Chor
Chor der Juden
Nein, diesen nicht, den Barrabas gib frei!
Rezitativ
Pilatus
Was fang’ ich an
Mit eurem sogenannten König?
Chor
Chor der Juden
Weg! Lass ihn kreuzigen!
Rezitativ
Pilatus
Was hat er denn getan?
Chor
Chor der Juden
Weg! Lass ihn kreuzigen!
Rezitativ
Evangelist
Wie er nun sah,
Daß der Tumult nicht war zu stillen,
So rief er endlich “Ja”
Und übergab ihn ihrem Willen.
Arioso
Tochter Zion
Besinne dich, Pilatus, schweig, halt ein!
Vermeide doch der Höllen Schwefelflammen!
Soll Gottes Sohn von dir verurteilt sein?
Willst du, Verdammter, Gott verdammen?
Will deine große Grausamkeit
Der toten Welt ihr Leben,
Der Engel Lust, den Herrn der Herrlichkeit
Verworfnen Schergen übergeben?
Dein Bärenherz ist felsenhart,
Solch Urteil abzufassen!
Soll Gott erblassen?
Ich wundre mich, du Frucht des Bösen,
Daß dir in deinem teuflisch Wesen
Die Seele nicht erkaltet und erstarrt.
Rezitativ
Evangelist
Drauf zerrten ihn die Kriegsknecht’ hinein
Und riefen, ihre Wut mehr anzuflammen,
Die ganze Schar zusammen;
Die banden ihn an einen Stein
Und geißelten den zarten Rücken
Mit nägelvollen Stricken.
Arioso
Eine gläubige Seele
Ich seh’ an einen Stein gebunden
Den Eckstein, der ein Feuerstein
Der ew’gen Liebe scheint zu sein;
Denn aus den Ritzen seiner Wunden,
Weil er die Glut im Busen trägt,
Seh’ ich, sooft man auf ihn schlägt,
Sooft mit Strick und Stahl die Schergen auf ihn dringen,
Aus jedem Tropfen Blut der Liebe Funken springen.
Rezitativ
Eine gläubige Seele
Drum, Seele, schau mit ängstlichem Vergnügen,
Mit bittrer Lust und mit beklemmten Herzen,
Dein höchstes Gut in Jesu Schmerzen,
Wie dir aus Dornen, die ihn stechen,
Des Himmels Schlüsselblumen blühn!
Du kannst viel süße Frucht
Von seiner Wermut brechen.
Schau, wie die Mörder ihn auf seinen Rücken schlagen,
Wie tief, wie grausam tief sie ihre Furchen ziehn,
Die er mit seinem Blut begießet,
Woraus der toten Welt des Lebens Ernt’ entsprießet!
Ja, ja, aus Jesus’ Wunden fließet
Ein Balsam, dessen Wunderkraft
Von solcher selten Eigenschaft,
Daß er sein’ eigne nicht,
Nur fremde Wunden heilet,
Uns Leben, Lust und Trost,
Ihm selbst den Tod erteilet.
Arie
Eine gläubige Seele
Dem Himmel gleicht sein blutgefärbter Rücken,
Den Regenbögen ohne Zahl
Als lauter Gnadenzeichen schmücken,
Die, wo die Sündflut unser Schuld versieget,
Der holden Liebe Sonnenstrahl
In seines Blutes Strömen zeiget.
Rezitativ
Evangelist
Wie nun das Blut in Strömen von ihm rann,
Da zogen sie ihm einen Purpur an
Und krönten ihn, zu desto größerem Hohn,
Mit einer Dornenkron’.
Arie
Tochter Zion
Die Rosen krönen sonst der rauhen Dornen Spitzen,
Wie kommts, daß hier ein Dorn die Sarons-Rose krönt?
Da auf die Rosen sonst Aurora Perlen tränt,
Fängt hier die Rose selbst Rubinen an zu schwitzen.
Jawohl erbärmliche Rubinen!
Die aus geronnen Blut auf Jesus Stirne stehn!
Ich weiß, ihr werdet mir zum Schmuck der Seelen dienen;
Und dennoch kann ich euch nicht ohne Schrecken sehn.
Rezitativ
Tochter Zion
Verwegner Dorn, barbarsche Spitzen!
Erwildert Mordgesträuch, halt ein!
Soll dieses Hauptes Elfenbein
Dein spröder Stachel ganz zerritzen?
Verwandelt euch vielmehr in Stahl und Klingen,
Durch dieser Mörder Herz zu dringen,
Die Tiger, keine Menschen sein!
Doch der verfluchte Strauch ist taub;
Hör, wie mit knirschendem Geräusch
Sein Drachenzähnen gleiches Laub
Durchdringt Sehnen, Adern, Fleisch.
Arie
Tochter Zion
Laß doch diese herbe Schmerzen,
Frecher Sünder, dir zu Herzen,
Ja durch Marck und Seele gehen.
Selbst die Natur fühlt Schmerz und Grauen,
Ja sie empfindet jeden Stich,
Da sie der Dornen starre Klauen,
So jämmerlich,
In ihres Schöpfers Haupt sieht eingedrücket stehn.
Rezitativ
Tochter Zion
Die zarten Schläfen sind biß ans Gehirne
Durchlöchert und durchbohrt,
Schau, Seele, schau,
Wie von der Göttlich-schönen Stirne,
Gleich einem Purpurfarb’nen Thau,
Der vom gestirnten Himmel sich ergießt,
Ein lauer Bach von blut’gem Purpur fließt.
Arie
Tochter Zion
Jesu! Jesu, dich mit unsern Seelen
Zu vermählen,
Schmilzt dein liebend Herz vor Liebe;
Ja, du gießest in die Glut,
Statt des Öls, für heiße Triebe,
Dein vor Liebe wallend Blut.
Rezitativ
Evangelist
Drauf beugten sie aus Spott vor ihm die Knie,
Und fingen lachend an zu schreien:
Chor
Chor der Kriegsknechte
Ein jeder sei ihm untertänig!
Gegrüßet seist du, Judenkönig!
Rezitativ
Evangelist
Ja, scheueten sich nicht,
Ihm ins Gesicht zu speien.
Arie
Tochter Zion
Schäumest du, du Schaum der Welt,
Speit dein Basiliskenrachen,
Brut der Drachen,
Dem, der alle Ding’ erhält,
Seinen Geifer ins Gesicht,
Und die Höll’ verschlingt dich nicht?
Rezitativ
Evangelist
Worauf sie mit dem Rohr, das seine Hände trugen,
Sein schon blutrünstig Haupt zerschlugen.
Rezitativ
Tochter Zion
Bestürzter Sünder, nimm in acht
Des Heilands Schmerzen, komm, erwege!
Wie durch die Heftigkeit der Schläge
Die Beulen-volle Scheitel kracht,
Wie sie sein heilges Hirn zerschellen,
Wie seine Tauben-Augen schwellen,
Schau, sein zerrauftes Haar,
Das vor mit Thau gesalbt und voller Locken war,
Ist itzt von Eyter naß, und klebt von dickem Blut,
Dies alles duldet er, bloß dir zu gut.
Arie
Tochter Zion
Heil der Welt, dein schmerzlich Leiden
Schreckt die Seel’ und bringt ihr Freuden,
Du bist ihr erbärmlich schön!
Durch die Marter, die dich drücket,
Wird sie ewiglich erquicket,
Und ihr graut, dich anzusehn.
Rezitativ
Evangelist
Wie man ihm nun genug Verspottung,
Qual und Schmach hatt’ angetan,
Riß man ihm ab den Purpur, den er trug,
Und zog ihm drauf sein’ eignen Kleider an,
Und endlich führeten sie ihn,
Daß sie ihn kreuzigten, zur Schädelstätte hin.
Solo und Chor
Tochter Zion
Eilt, ihr angefochten Seelen,
Geht aus Achsaphs Mörderhöhlen,
Kommt!
Chor der gläubigen Seelen
Wohin?
Tochter Zion
Nach Golgatha.
Eilet auf des Glaubens Flügel, fliegt!
Chor der gläubigen Seelen
Wohin?
Tochter Zion
Zum Schädelhügel,
Eure Wohlfahrt blüht da.
Kommt!
Chor der gläubigen Seelen
Wohin?
Tochter Zion
Nach Golgatha.
Rezitativ
Maria
Ach Gott, ach Gott! Mein Sohn
Wird fortgeschleppt, wird weggerissen!
Wo führt ihr ihn, verruchte Mörder, hin?
Zum Tode, wie mir scheinet.
Hab’ ich denn seinen Tod erleben müssen,
Gekränkte Mutter, die ich bin?
Wie schwer ist meines Jammers Last!
Es dringt ein Schwert durch meine Seele,
Mein Kind, mein Herr, mein Gott erblasst!
Ist denn für so viel Wunderwerke
Nunmehr das Kreuz sein Lohn?
Ach Gott, ach Gott, mein Sohn!
Duett
Maria
Soll mein Kind, mein Leben sterben,
Und vergießt mein Sohn sein Blut?
Jesus
Ja, ich sterbe dir zu gut,
Dir den Himmel zu erwerben.
Rezitativ
Evangelist
Und er trug selbst sein Kreuz.
Tochter Zion
Ach herbe Plagen, ach Marter,
Die man nicht erwägen kann!
Mußt du, mein Heiland, denn
Das Holz, das dich bald tragen soll, selbst tragen?
Du trägst es, ja, und niemand hört dich klagen.
Arie
Tochter Zion
Es scheint, da den zerkerbten Rücken
Des Kreuzes Last,
Der Schergen Ungestüm zu Boden drücken,
Er danke mit gebeugten Knien
Dem großen Vater,
Dass er ihm das lang ersehnte Kreuz verliehen.
Rezitativ
Evangelist
Wie sie nun an die Stätte,
Golgatha mit Namen,
Mit Jesus kamen,
Wurd er mit Gall’ und Wein getränkt,
Und endlich gar ans Kreuz gehängt.
Arie
Eine gläubige Seele
Hier erstarrt mein Herz und Blut,
Hier erstaunen Seel’ und Sinnen!
Himmel, was wollt ihr beginnen?
Wisst ihr Mörder, was ihr tut ?
Dürft ihr denn, ihr Teufel, wagen,
Gottes Sohn ans Kreuz zu schlagen?
Rezitativ
Eine gläubige Seele
O Anblick! O entsetzliches Gesicht!
Wie scheußlich wird mein Seelen-Bräutigam,
Von diesen Bütteln zugericht!
Itzt reissen sie das unbefleckte Lamm,
Wie Tiger, voller Wut, zur Erden.
Ach schau! itzt fängt man an, mit gräßlichen Gebärden,
Ihm Hand und Fuß, ihm Arm und Sehnen
Erbärmlich auszudehnen,
Mit Stricken auszuzern, mit Nägeln auszupflöcken;
Dass man an Ihm fast alle Beine zählt.
Ach Gott! Ich sterbe schier vor Schrecken,
Und werde fast, durchs bloße seh’n, entseelt!
Chor
Chor der Christlichen Kirche
O Menschenkind,
Nur deine Sünd’
Hat dieses angerichtet,
Da du durch die Missetat
Warest ganz vernichtet.
Rezitativ
Evangelist
Sobald er nun gekreuzigt war,
Da losete die Schar
Der Kriegsknecht’ um sein Gewand;
Und über seinem Haupte stand
“Der Juden König” angeschrieben;
Und die vorübergingen,
Die lästerten und trieben
Gespött mit ihm, wie auch die bei ihm hingen:
Chor
Chor der Juden und Mörder
Pfui, seht mir doch den neuen König an!
Bist du ein solcher Wundermann,
So steig herab von Kreuz;
Hilf dir selbst und uns;
So wissen wir’s gewiss!
Rezitativ
Evangelist
Und eine dichte Finsternis,
Die nach der sechsten Stund’ entstand,
Kam übers ganze Land.
Arie
Eine gläubige Seele
Was Wunder, daß der Sonnen Pracht,
Daß Mond und Sterne nicht mehr funkeln,
Da eine fahle Todesnacht
Der Sonnen Sonne will verdunkeln!
Rezitativ
Evangelist
Dies war zur neunten Stund’
Als dies geschah
Rief Jesus laut und sprach:
Jesus
Eli! Lama Asaphtani!
Evangelist
Which being translated means:
Jesus
Mein Gott, wie hast du mich verlassen!
Evangelist
Darnach, wie ihm bewußt, daß alles schon vorbei,
Rief er, mit lechzendem Geschrei:
Jesus
Mich dürstet!
Arioso
Eine gläubige Seele
Mein Heiland, Herr und Fürst!
Da Peitsch’ und Ruten dich zerfleischen,
Da Dorn und Nagel dich durchbohrt,
Sagst du ja nicht ein einzig Wort.
Jetzt hört man dich zu trinken heischen,
So wie ein Hirsch nach Wasser schreit:
Wonach mag wohl den Himmelsfürsten,
Des Lebens Wassers Quelle, dürsten?
Nach unsrer Seelen Seligkeit!
Rezitativ
Evangelist
Drauf lief ein Kriegsknecht hin,
Der einen Schwamm, mit Essig angefüllt, nahm,
Und steckt’ ihn auf ein Rohr
Und hielt ihn ihm zu trinken vor.
Hierauf rief Jesus laut mit ganzer Macht:
Jesus
Es ist vollbracht.
Terzett
Drei gläubige Seelen
O Donnerwort! O schrecklich Schreien!
O Ton, den Tod und Höllen scheuen,
Der ihre Macht zu Schanden macht!
O Schall, der Stein und Felsen teilet,
Wovor der Teufel bebt und heulet,
Wovor der dürst’e Abgrund kracht!
Es ist vollbracht, es ist vollbracht!
Eine gläubige Seele
O selig’s Wort, o heilsam Schreien!
Nun darfst Du, Sünder, nicht mehr scheuen
Des Teufels und der Höllen Macht!
O Schall, der unsern Schaden heilet,
Der uns die Seligkeit erteilet,
Die Gott uns längst hat zugedacht.
Es ist vollbracht, es ist vollbracht!
Rezitativ
Eine gläubige Seele
O selig, wer dies glaubt,
Und wer, wenn seine Not am größten,
Sich dieser Worte kann getrösten!
Evangelist
Drauf neiget er sein Haupt.
Arie
Tochter Zion
Sind meiner Seelen tiefe Wunden
Durch deine Wunden nun verbunden?
Kann ich durch deine Qual und Sterben
Nunmehr das Paradies ererben?
Ist aller Welt Erlösung nah?
Eine gläubige Seele
Dies sind der Tochter Zions Fragen.
Weil Jesus nun nichts kann vor Schmerzen sagen,
So neiget er sein Haupt
Und saget stillschweigend: Ja!
Rezitativ
Tochter Zion
O Großmut! O erbarmendes Gemüt!
Evangelist
Und er verschied.
Arie
Eine gläubige Seele
Brich brüllender Abgrund, zertrümmre, zerspalte!
Zerfall, zerreiß du Kreiß der Welt!
Erzittert ihr Sterne, ihr himmlischen Kreise,
Erschüttert, und hemmet die ewige Reise!
Du helle Sonn’, erlisch, erkalte!
Sein Licht verlischt, und eure Stütze fällt.
Rezitativ
Eine gläubige Seele
Ja, ja, es brüllet schon in unterirdischen Grüften;
Es kracht bereits der Erden Grund;
Des finstern Abgrunds schwarzer Schlund
Erfüllt die Luft mit Schwefeldüften.
Hauptmann
Hilf Himmel, was ist dies?
Ihr Götter, wie wird mir zu Mut?
Es fällt die Welt in schwarze Finsternis,
In Dunst und Nebel schier zusammen,
O weh, der Abgrund kracht und speiet Dampf und Glut,
Die Wolken schütten Blitz, die Luft gebieret Flammen,
Der Fels zerreißt, es bersten Berg und Stein:
Sollt Jesu Tod hieran wohl Ursach’ sein?
Ach ja, ich kann aus allen Wundern lesen:
Der Sterbende sei Gottes Sohn gewesen!
Arie
Eine gläubige Seele
Wie kommt's, daß, da der Himmel weint,
Da seine Klüfte zeigt des blinden Abgrunds Rachen,
Da Berge bersten, Felsen krachen,
Mein Felsen-Hertz sich nicht entsteint?
Ja, ja, es klopft, es bricht, sein Sterben
Reist meine Seel aus dem Verderben.
Rezitativ
Eine gläubige Seele
Bei Jesu Tod und Leiden leidet
Des Himmels Kreis, die ganze Welt;
Der Mond, der sich in Trauer kleidet,
Gibt Zeugnis, daß sein Schöpfer fällt;
Es scheint, als lösch’ in Jesus Blut
Das Feu’r der Sonnen Strahl und Glut.
Man spaltet ihm die Brust.
Die kalten Felsen spalten,
Zum Zeichen, daß auch sie
Den Schöpfer sehn erkalten.
Was tust denn du, mein Herz?
Ersticke, Gott zu Ehren,
In einer Sündflut bittrer Zähren!
Chor
Chor der Christlichen Kirche
Mein’ Sünd’ mich werden kränken sehr,
Mein G’wissen wird mich nagen,
Denn ihr’ sind viel wie Sand am Meer,
Doch will ich nicht verzagen;
Gedenken will ich an den Tod;
Herr Jesu, deine Wunden rot,
Die werden mich erhalten.
Arie
Tochter Zion
Wisch ab der Tränen bittre Ströme,
Steh, sel’ge Seele, nun in Ruh’!
Sein ausgesperrter Arm und sein geschlossen Auge
Sperrt dir den Himmel auf und schließt die Hölle zu.
Schluss-Chorus
Chor der Christlichen Kirche
Ich bin ein Glied an deinem Leib,
Des tröst’ ich mich von Herzen;
Von dir ich ungeschieden bleib’
In Todesnot und Schmerzen.
Wann ich gleich sterb’, so sterb’ ich dir,
Ein ew’ges Leben hast du mir
Mit deinem Tod erworben.
Weil du vom Tod erstanden bist,
Werd’ ich im Grab nicht bleiben:
Mein höchster Trost dein’ Auffahrt ist,
Tod’s Furcht kann sie vertreiben.
Denn wo du bist, da komm’ ich hin,
Daß ich stets bei dir leb’ und bin,
Drauf fahr’ ich hin mit Freuden.
So fahr’ ich hin zu Jesus Christ,
Mein’ Arm tu’ ich ausstrecken:
Ich schlafe ein und ruhe fein,
Kein Mensch soll mich aufwecken.
Denn Jesus Christus, Gottes Sohn,
Der wird die Himmelstür auftun
Und führen zum ewigen Leben.